Essay

von Michael Naimark

1873 erschien Jules Vernes ursprünglich in Fortsetzungen publizierter Roman „Le Tour du Monde en Quatre-Vingts Jours“. Verne, ein damals bereits erfahrener und viel gelesener Schriftsteller, entzündete schon allein mit dem Titel die Fantasie der Öffentlichkeit: In 80 Tagen um die Welt zu reisen, das galt zu der Zeit nämlich als Sciencefiction. Es war ein so unglaubliches Unterfangen, dass die Leser es schon wieder für wirklich hielten und wie die fiktiven Personen im Roman Wetten darauf abschlossen, ob sein Protagonist Phileas Fogg es schaffen würde oder nicht.

Unglaublich schien das Unterfangen, weil es auf der damals neuesten Technologie beruhte. Die Geschichte beginnt in der Gegenwart, 1872 in London, wo Fogg mit Mitgliedern seines Clubs einen Artikel im Daily Telegraph über die Eröffnung des letzten, die Zugverbindung durch den indischen Subkontinent komplettierenden Eisenbahnabschnitts diskutiert. Dieses Ereignis sowie die drei Jahre zuvor erfolgte Eröffnung des Suezkanals und die Fertigstellung der ersten amerikanischen Transkontinentaleisenbahn rückte Reisen um die Welt in den Bereich der Möglichkeit – und vielleicht sogar in 80 Tagen.

Leser in London, im Empire und im Rest der literarisch gebildeten Welt (zugegebenermaßen eine kleine und privilegierte Klasse) waren gebannt und hingerissen von den Wundern, die die moderne Industrietechnologie ihrer Tage zu vollbringen vermochte. Die ganze Geschichte hindurch zeigt Fogg weder Interesse an den Menschen, die er trifft, noch an den Orten, durch die er reist: Ihn interessiert einzig und allein der Gewinn der Wette, die er mit den Mitgliedern seines Clubs abgeschlossen hat. Lokomotive und Dampfschiff waren ebenso Vernes Helden wie Fogg und sein einfallsreicher Diener Passepartout. Jules Verne schuf einen zeitgemäßen, fast ausschließlich auf diesen neuen, noch unvertrauten Technologien basierenden Fortsetzungsroman, der er nur mit kleinen Prisen Mitgefühl, Zorn und (am Ende) sogar Liebe würzte – wohl dosiert, um die Spannung aufrechtzuerhalten.

Das war einmal.

Letzte Woche (11. Juli 2008) wartete die Londoner Daily Mail auf ihrer Titelseite nicht mit einer begeisterten Geschichte über die Wunder der neuesten Technologie auf, sondern brachte eine Coverstory über die „Spionageautos“ von Google Earth, die „JEDE [Versalien im Original] Haustür in Großbritannien“ fotografieren. Die Zeitung sprach von einem „Freibrief für Einbrecher“ und einer „groben Verletzung der Privatsphäre“. Die Leser in London und der übrigen Welt (privilegierte wie nicht privilegierte) waren nicht nur gebannt und hingerissen, sondern auch verschreckt und verängstigt. Sie konnten auch von Ölpreisen lesen, die in weniger als zehn Jahren um über das Zehnfache steigen würden, davon, dass der Nordpol diesen Sommer zum ersten Mal in der neueren Geschichte vollkommen schmelzen könnte. Unser Verhältnis zu neuen Technologien und ihren Folgen für die Welt ist komplizierter geworden, ihre dunkle Kehrseite ist nun genauso sichtbar wie die Sonnenseite früherer Tage. Natürlich gibt es die Sonnenseite auch heute noch. Fast jeder, der in der privilegierten Situation ist, Texte wie diesen zu lesen, besitzt einen eigenen Laptop, ein Mobiltelefon und vielleicht sogar ein eigenes Blog. Aber was, wenn wir Jules Vernes berühmte Geschichte neu aufrollten und uns fragten, wie wir sie heute anlegen würden? Was sind die neuen weltumspannenden Technologien und was wird durch sie möglich? Was steht auf dem Spiel? Was ist im globalen Maßstab am wichtigsten und bedeutsamsten? Wenn es nicht das „physische Reisen“ ist, wofür steht dann heute das „X“ in „X“ing the World in 80 Days?

Fragen dieser Art wälzte unsere Crew im letzten Jahr als Vorbereitung auf 80+1: eine Weltreise, einen im nächsten Sommer stattfindenden 80(+1) Tage dauernden Event für Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas.
Eine der Antworten auf diese Fragen hat sicher mit dem Internet und globalen Netzwerken im Allgemeinen zu tun, insofern als diese die Ersetzung der physischen Reise durch Telematik und Virtualität ermöglichen. Eine 80-tägige virtuelle Reise um die Welt muss nicht in einer räumlichen Abfolge, einer Bewegung von einem Punkt zum anderen – zu Land, zur See oder in der Luft – stattfinden. Die „Hyperreise“ – die nicht geografische, sondern zum Beispiel thematische Bewegung von einem Ort zu andern – kann uns so plötzlich in andere Welten versetzen wie ein Filmschnitt. Die Technologien für live stattfindende, interaktive, immersive wechselseitige Erfahrungen sind jedenfalls eine künstlerische Erkundung wert.

Was ist zum Beispiel heute ein „telematisches Fenster“? Ein legendäres Projekt im Bereich der Kunst war das vom Electronic Café 1980 zwischen New York und Los Angeles eröffnete Hole-in-Space. Zwei Schauplätze im realen Raum, der eine im Lincoln Center, der andere in einem Einkaufszentrum in Century City, wurden mit einer (damals äußerst kostspieligen) Satellitenleitung verbunden, über die lebensgroß projizierte Fernsehbilder mit Live-Ton in beide Richtungen übertragen wurden. Hole-in-Space dauerte drei Abende lang und war – ein entscheidendes Moment des Konzepts – nicht angekündigt. Eine aktualisierte Version mithilfe globaler Netzwerke – von Satelliten- und Mobilfunknetzen bis zum Internet – sowie immersiver 3D-Bilderfassungs- und Modellierungsverfahren könnte hier ein breites Spektrum an Möglichkeiten bieten.

Dieses Möglichkeitsspektrum reicht über telematische Fenster weit hinaus. Stellen Sie sich nur vor, man könnte Menschen über Umweltgeräusche, Himmelsfarbe, Lufttemperatur oder Windströmungen miteinander verbinden; oder über Herztöne, die Wärme des Atems, die Berührung einer Hand. Uns schwebt 80+1 als ein einzigartiger Rahmen zur Erkundung solcher erweiterter telematischer Ausdrucksformen vor. Wir haben einen Aufruf zur Einreichung von Vorschlägen gestartet und blicken den Ideen der Kreativ-Community zuversichtlich und gespannt entgegen.

Wir freuen uns auf Überraschungen! Aber unserer Reise liegt auch eine profundere Frage zugrunde: Wie können wir in der Art Jules Vernes mit den Technologien unserer Zeit eine sinnvolle Momentaufnahme des gesamten Planeten schaffen? Und was würde diese Momentaufnahme beinhalten?

Wir haben da einige Ideen.

Wir möchten Orte zeigen, an denen die globale Zukunft erdacht und gemacht wird, und solche, an denen sie verhindert und zerstört wird. Wir möchten Menschen, vor allem Kinder, miteinander in Kontakt bringen, weshalb wir uns besonders bemühen werden, Schulen aus Linz mit Schulen an unseren telematischen Außenstellen zu verbinden.

Wir möchten den „Lokalstolz“ wecken, der ja überall auf der Welt existiert, und zu diesem Zweck einen Austausch von Musik, Speisen und Dingen (billigen Alltagsgegenständen) initiieren. Und schließlich bietet unsere Reise, wie der Titel nahe legt, noch ein besonderes Plus. „+1“ steht gleichermaßen für etwas Wirkliches wie für eine Metapher. Das Wirkliche ist ein Event am 81. Tag (dem 6. September 2009), ein Termin, der bewusst so gewählt wurde, dass er mit dem Ars Electronica Festival 2009 zusammenfällt und an dem auch unsere Reise endet. Metaphorisch bedeutet das Plus, dass wir mehr tun wollen, uns mehr anstrengen, mehr riskieren wollen, um herauszufinden, wie man die Welt in 80 Tagen „X“-en könnte, sei es heute oder in der Zukunft.

Vielleicht würzen wir das Ganze auch noch mit kleinen Prisen Mitgefühl, Zorn und (am Ende) sogar Liebe.

– Michael Naimark
Projektleiter 80+1
Juli 2008

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